Geschirr oder Halsband

 

Einen Hund dazu zu bringen, nicht an der Leine zu ziehen, hat zunächst nichts damit zu tun, ob er ein Halsband oder ein Geschirr trägt. Die einzige Möglichkeit, dem Hund das Ziehen an der Leine abzugewöhnen, bedeutet Technik und viel Training, und zwar in klitzekleinen Schritten aufgebaut, mit Bedacht darauf, den Hund niemals zu überfordern. Das bedeutet Arbeit! Das geht nicht von jetzt auf dann, sondern muss zunächst grundsätzlich erst ohne Ablenkung in gewohnter Umgebung aufgebaut werden, bevor man von seinem Hund erwarten kann, dass er in der Natur unter Ablenkung leinenführig ist. Das Tragen eines Halsbandes ist sicher die traditionellste Herangehensweise, was den Menschen vertrauter und einfacher vorkommt, doch gibt es mittlerweile viel bessere Wege, um die Aufmerksamkeit des Hundes zu erlangen und in Folge dessen die Leinenführigkeit beizubringen.

Da unsere Welpen anfangs noch sehr ungeübt sind, bin ich davon überzeugt, dass zunächst ein Geschirr die bessere Alternative ist, da der Welpe nun einmal zieht. Bei einem Geschirr befindet sich der Druckpunkt auf der Brust und nicht am Hals. Wenn man sich mal überlegt, wie empfindlich die Halswirbelsäule noch bei den Kleinen ist, wie Luftröhre und Kehlkopf extrem belastet werden können bei Zug auf den Hals, ist man doch als moderner Hundehalter geneigt,  diesen Zustand seinem Schützling zu ersparen. Außerdem gibt es Hunderasse, die extrem klein und zart sind (Chihuahuas oder Zwergpudel) wo ein Halsband den Hals schädigen kann. Auch Rassen,  wie Möpse, französische Bulldogen profitieren aufgrund ihrer Prädisposition für Atmungskomplikationen von einem Geschirr.

Das Halsband, oder aber auch Retriever- oder Moxonleine mit Stopp, ist meines Erachtens dann eine gute Option, wenn der Hund eben nicht an der Leine zieht bzw. um punktgenauere Korrekturen bei schon vorhandener Leinenführigkeit durchzuführen. Voraussetzung für diese Leine ist aber tatsächlich, dass die Leinenführigkeit sehr gut funktioniert.

Im Übrigen muss man auch bei einem Geschirr darauf achten, dass es wirklich gut sitzt, sonst erreicht man schlimmstenfalls das Gegenteil. Denn Schmerzen können nicht nur durch Leinenruck und ständiges Ziehen verursacht werden, sondern auch dann, wenn das Geschirr zu eng sitzt, damit schmerzhaft auf die Wirbesäule oder auf den Brustbeinknochen drückt oder aber auch dann, wenn keine freie und unbehinderte Bewegung der Vordergliedmaße einschließlich des Schulterblatts möglich ist. Das ist dann der Fall, wenn die Gurtgeschirre den Brustkorb viel zu nah am Vorderbein (also in der Achsel) umfassen oder wenn sie in ständiger Schieflage um den Hundekörper herumschlottern. Die Frage, warum man heutzutage dem Hund die Leinenführigkeit immer mit positiven Elementen zu vermitteln versucht, eben auch ohne Rucks und Schmerzen, erschöpft sich darin, dass Hunde über Assoziationen lernen. Das bedeutet, dass sie den Reiz, den sie gerade erblicken (z. B. Kinder, ältere Menschen, Jogger, Hunde) mit dem Gefühl verbinden, dass sie genau im diesem Zeitpunkt empfinden. Deshalb hört man auch sehr oft, dass der Hund zwar ohne Leine ganz verträglich ist, aber sobald die Leine dran kommt, arten die Hundebegegnungen zu einer Katastrophe aus.

Der Hund hat genau genommen Angst, vor dem herankommenden anderen Reiz, was durchaus ein Hund sein kann. Er hat Angst vor dem drohenden Schmerz (Ruck an der Leine) und geht deshalb oftmals schon vorher in die Offensive und zeigt das durch Fixieren bzw. lautstarkes Bellen und Knurren an. Wenn das der Fall ist, haben wir eine typische Leinenaggression, die insbesondere bei Hunden vorkommt, die über eine viel zu kurze Leine am Halsband geführt werden, sich deswegen körpersprachlich nicht ausdrücken können, was schließlich zu den ganzen Missverständnissen führt, die aus heutiger Sicht absolut unnötig sind.